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Grenzbilder von Jürgen Ritter

 

 

Die Kraft der Bilder und die Angst eines Regimes

Jürgen Ritter ist der Fotograf der Grenze

Von Stasi-Akten, Spitzeln und dem Glauben an die Freiheit

Uelzen. Es sind Dokumente, die einem eine Gänsehaut erzeugen. Von Feindobjekten ist die Rede, von Hetzkampagnen, Autokennzeichen sind da genauso notiert, wie Charaktereigenschaften und der Vorname des Kindes. Es ist der Jargon eines totalitären Systems, der sich in der Stasi-Akte von Jürgen Ritter aus Barum wiederfindet. Eines Staates, der Angst vor einem Mann hatte, der mit Bildern ostdeutsche Wirklichkeit zu Zeiten des Kalten Krieges dokumentierte. Von seinem Standpunkt aus, vom Westen aus mit Blick auf ein Bollwerk, das in Jahrzehnten geschaffen wurde, mit Blick auf die innerdeutsche Grenze. Der "antifaschistische Schutzwall", der gegen den Klassenfeind aus dem Westen schützen und der in Wirklichkeit doch nur die eigene Bevölkerung einsperren sollte, ihr die Freiheit nahm.

Mehr als 40 000 Bilder umfasst das Archiv des 55-jährigen Barumers, der seit 1980 als Fotograf und Fotojournalist tätig ist. Die Grenze ist sein Thema geworden. Zu Fuß hat er sie auf der gesamten Länge abgeschritten, zunächst allein, später dann Abschnitt für Abschnitt begleitet von Beamten des Zolls. Warum er das getan hat? Ritter antwortet darauf mit einem Zitat: "Die Geschichte wird einmal ein vernichtendes Urteil nicht nur über diejenigen fällen, die Unrecht getan haben, - sondern auch über die, die dem Unrecht schweigend zugesehen haben." Dieses Zitat von dem Reichstagsabgeordneten Rudolf Breitscheid, der im KZ Buchenwald ermordet wurde, zeigt die Motivation Jürgen Ritters, die Unmenschlichkeit der Grenze in diesen abertausenden Bildern festzuhalten und sie der Öffentlichkeit zu zeigen.

Etliche Ausstellungen bundesweit füllte Ritter mit diesen Fotos, nicht immer wurde er, der auch im Bundestag ausstellte, mit offenen Armen empfangen. Etwa als die Entspannungspolitik die Annäherung an den Osten bringen sollte und Ritter im Hamburger Rathaus ausstellen sollte. Der Ausstellungstermin wurde zugesagt, dennoch – nach etlichen Verzögerungen durfte Ritter nur ausgewählte Bilder zeigen, das Geleitwort zur Ausstellung wurde nicht veröffentlicht, ein Gästebuch durfte ebenfalls nicht ausliegen. Die Sache geriet zur Peinlichkeit für die Hamburger Politik.

Wenn man in der Stasi-Akte von Jürgen Ritter liest, wird schnell klar, weswegen es all das in Hamburg nicht gegeben hat. Weil der Osten davon erfahren würde, weil Ritters Ausstellungen von Spitzeln besucht wurden, Presseberichte akribisch archiviert und mit Unterstreichungen gekennzeichnet wurden, weil Meinungen, die Besucher in dem Gästebuch niederschrieben, sich Wort für Wort in dieser Akte wiederfinden. Weil Westdeutsche als Spitzel, als sogenannte IM‘s (Informelle Mitarbeiter) für die DDR arbeiteten. Eine der größten Peinlichkeiten, eine Absurdität findet Jürgen Ritter.

"Dass sich aus unserer Gesellschaft heraus so etwas entwickeln konnte" ist für Jürgen Ritter noch immer unfassbar. Rund 30 000 Bürger der Bundesrepublik haben für den Osten gearbeitet, Bekannte ausspioniert, sich Vertrauen erschlichen. "Für einige war es die bessere Gesellschaft, die DDR wurde in der Generation der 68er teils verherrlicht." Auch in dem Verein "Grenzopfer", den Ritter gründete, wird ein IM Mitglied.

"Es ging in dem Verein darum, Menschen, die aus der DDR geflohen waren, mit einem zinslosen Darlehen einen Neustart im Westen zu ermöglichen", sagt Ritter. Bald hört er auch von einem Ostdeutschen, der verhaftet wurde, sein Vater bat ihn um Hilfe. Kurze Zeit später wird der Mann aus der Haft entlassen. Ein Dankesbrief des Vaters erreicht Ritter nie – die Stasi hatte ihn vorher abgefangen. Telefongespräche werden belauscht, die Ritter führt, in der Stasi-Akte werden terroristische Angriffe Ritters auf die deutsch-deutsche Grenze befürchtet. "Lächerlich", sagt Ritter.

Und doch hatte er in den Jahren seiner Arbeit auch oft Angst. Wenn es im Gebüsch knackte, während er an der Grenze unterwegs war. Mit seiner Frau kommuniziert er während dieses Marsches per Funkgerät, meldet sich in regelmäßigen Abständen bei ihr. Auch während dieses Marsches entstehen Bilder mit hoher Symbolkraft, die Kirchtürme direkt neben Wachtürmen zeigen oder einen Sonnenaufgang mit einem Wachturm im Gegenlicht, ein Bild in den deutschen Farben schwarz, rot, gold.

Ab 1986 dann konnte Ritter kaum noch Ausstellungen machen. Die Politik der Annäherung wollte die Mauer, die Grenze nicht als Todesinstrument abgelichtet sehen, an der fast 1000 Menschen starben – fast jede westdeutsche Stadt hatte damals schon eine Partnerstadt im Osten, einen Partner, der nicht brüskiert werden sollte. Dennoch fotografiert Ritter weiter, auch wenn diejenigen, die an eine Öffnung der Grenze glauben, als ewig Gestrige verlacht wurden, ja mehr noch in der "Welt" wird Gerhard Schröder noch im Juni 1989 zitiert mit: "Nach 40 Jahren Bundesrepublik sollte man eine neue Generation nicht über die Chancen einer Wiedervereinigung belügen. Es gibt sie nicht." Anfang des gleichen Jahres erscheint ein Band mit Bildern der Grenze von Jürgen Ritter und Gedichten. Titel: "Nicht alle Grenzen bleiben".

Verwirklichen sollte sich diese Vision dann schon wenige Monate später, als Ritter während er im Keller Filme entwickelt, nebenbei Radio hört. Als die Meldung "In Berlin bricht die Mauer auf" kommt, glaubt Ritter an einen Scherz. Erst als die Meldungen in immer schnellerem Abstand gesendet werden, geht Ritter nach oben ins Wohnzimmer und schaltet den Fernseher ein. Bis spät in die Nacht sieht er gemeinsam mit seiner Frau die Nachrichtensendungen, Tränen fließen. Sofort am nächsten Tag macht sich Ritter auf nach Berlin. Es ist das erste Mal, dass er per Transit-Verkehr dorthin reist, bislang war er auf Empfehlung des Innenministeriums immer geflogen. Denn für Ritter wurde es als gefährlich angesehen, mit dem Auto die DDR zu durchqueren.

Jubelnde Menschenmassen erlebt Ritter in Berlin, Feuerschlucker auf der Mauer, den Aufbau riesiger Musikanlagen, aus denen wenig später "Marmor, Stein und Eisen bricht…" tönt. Drei Tage bleibt er in Berlin, fotografiert wieder, aber nicht mehr so, wie er zuvor fotografierte. Sein Auftrag war erledigt.

Weihnachten dann hält er auch die Öffnung des Grenzüberganges bei Schafwedel im Bild fest und wie in einer Nacht- und Nebelaktion die nun wieder benötigte Straße gebaut wurde. Heute arbeitet Ritter mit Museen bundesweit zusammen, hat ein Multimediaprojekt entwickelt, das an Terminals in den Museen die Auseinandersetzung mit diesem Stück deutscher Geschichte ermöglichte. 1997 erschien sein Buch "Die Grenze – Ein deutsches Bauwerk" im Verlag Ch. Links Berlin, das mittlerweile in der vierten Auflage erschienen ist und als Standardwerk über die Grenze gilt.

Für Jürgen Ritter war es selbstverständlich, dass er, der in Freiheit lebte, gegen die Diktatur im Osten etwas unternehmen musste. Heute ist er glücklich, dass es nur noch einen deutschen Staat gibt. Täglich setzt er sich auch heute noch durch seine Arbeit für die Grenzmuseen mit der Grenze auseinander, ist oft im Osten und hofft, das mit der Zeit auch die Mauer in den Köpfen noch überwunden wird. "Wir sind schon ein ganzes Stück weiter."

Ritters Bilder über die Grenze und der Mauer durch Berlin sind auch im Internet unter  Grenzbilder.de  zu sehen. Zurzeit wir dieses einmalige Archiv (Bilddatenbank) ständig erweitert.

 © dieses Artikels aus der Allgemeinen Zeitung Uelzen vom 22.Juli 2004: Maren Schulze

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